Die Analyse des eigenen Sehens

Die Gemälde von Marc Rohweder reflektieren die Pole seiner Identität als Mensch und als Künstler. Dabei ist besonders das Austesten gegensätzlicher Haltungen im künstlerischen Handeln und das Ausleben unterschiedlich ausgerichteter Identitäten und Interessen die zentrale Thematik und damit künstlerische Strategie von Marc Rohweder.
Aus forscherischer Neugier heraus entstehen in stetiger Ergänzung geschlossene Werkgruppen, die in ihrer Gegensätzlichkeit seinen verschiedenen Wesensanteilen und Interessen entsprechen. Pittoresk, verspielt, muten seine Bilder von Pflanzen oder abstrakte Kompositionen an, deren Gestalt er in einem Gefüge aus Linien, Farbflächen, ornamentartigen Konstruktionen entstehen lässt. Eigentlich scheinen Rohweders Arbeiten eindeutig zu sein - aber schützt ein Gerüst oder "Strickmuster" den suchenden Menschen vor einer Niederlage, oder ist es vielleicht genau umgekehrt?

Marc Rohweder schafft Gemälde, Collagen und Zeichnungen, die auf den ersten Blick leicht lesbar und zugänglich scheinen, um dann nach und nach weitere Bedeutungsschichten zu öffnen. Streng und zugleich beruhigend wirken die Kompositionen aus vegetabilen archetypischen Versatzstücken in "Muster Auf Grund" (2005 bis 2016), die symbolhaft Gewissheit durch Wiederholung und Behauptung visualisieren. Zentrale Themen von Rohweder sind das Verhältnis von Kultur zu Natur, das menschliche Bedürfnis nach Struktur und Dekor, nach Schönheit und Poesie, aber auch das ewige menschliche Wiederholen der gleichen Verhaltensmuster im privaten und 'öffentlichen' Leben und Handeln mit teilweise harten Konsequenzen wie Gewalt und Zerstörung.
So symbolisieren ornamentale Arbeiten nach Pflanzenmotiven, welche der Künstler seit Beginn der 2000er Jahre zitiert, nicht nur Poesie und Pracht der Natur, sondern auch Verletzlichkeit und Endlichkeit, sie scheinen nicht nur Sicherheit zu schenken, sondern machen auch Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebbar.
Die Gemälde von Marc Rohweder bilden einen persönlichen Mikrokosmos, der sich aus wiederkehrenden Elementen zusammensetzt: Neben zahlreichen Werken, in denen Naturmotive behandelt werden, gibt es Arbeiten, in denen einzelne Formen zu Mustern gefügt als Symbol des Lebensrhythmus eine zentrale Rolle spielen, wie z. B. in der Gruppe der Papiercollagen und Gemälde "m a g" (Muster Auf Grund).
"Das Muster ist eine einfach erzählende Form ohne Anfang und Ende. Diese prachtvoll geordnete Ungerichtetheit verführt mich, der Erzählung andere Wendungen zu geben. Elemente dieser Struktur verfremde ich, erzähle sie andersherum oder lasse sie weg. Meine (früheren) Arbeiten erzählen vom Ornamentalen in der Natur und dem Naturhaften im Ornament. Sie sind eine Suche nach Ursprungsmotiven kunsthandwerklicher Artefakte. Hier wählte ich als Versuchsfeld einen ornamentalen Blumenstoff aus dem 17. Jahrhundert (Abegg-Stiftung, Bern) als Studienobjekt, dessen Quelle ich durch malerische Annäherung wiederentstehen lasse."
In paintscan wird Malerei im "Scan", in der minutiösen Sichtung und Übermalung, zur ornamentalen Struktur.
Hier setzt Rohweder ein Motiv in unmittelbarer Plein-Air-Manier oder mittels angefertigter Schablonen um. Das Bild ist damit vorerst "vollendet". In einem späteren Arbeitsschritt überzieht er das "fertige" Bild mit einem feinen Raster aus gleich großen, verschieden farbigen Pinselstrichen. Das Ursprungsbild wird dadurch nicht komplett verändert, erhält aber eine dichte, zweite malerische Ebene. Das Farbspektrum und die Formgebung des vormals "gemalten" Motivs werden ergänzt bzw. verschoben und verfremdet. Die Struktur des Gemäldes erscheint jetzt vielmehr als Textur, und Assoziationen zu Gewebe, zu Maschen oder einem Stickmuster tun sich auf. Das Gemälde oszilliert in der Anmutung zwischen Malerei und Tapisserie. Es bewegt sich an den Schnittstellen Natur/ Kunst, Natur/ Kunsthandwerk und Kunst/ Kunsthandwerk.
Vor allem Pflanzen, in ihrer Vielfalt und Vielgestaltigkeit, dienen Rohweder als Inspiration und Motiv. Dabei interessiert ihn die Polarität von "Blumenbildern", also der traditionelleren künstlerischen Darstellung von Pflanzen, und der faktischen Komplexität von Pflanzen in ihrer architektonischen Struktur und ihrer biologischen Organisation.
Rohweders verschiedene Werkgruppen sind nicht strikt voneinander getrennte Werkstränge, sondern sie werden vom Künstler auch ineinander übergeführt und vermischt und zu neuen Konstellationen zusammengesetzt. Ein Werk scheint bereits das Nächste in sich zu tragen oder den Gedanken, der im vorher gehenden angelegt ist, weiterzuführen und zu vertiefen.